„Und, wie waren deine Ferien?“ – Warum diese Frage nicht für jedes Kind leicht ist
Die Sommerferien sind vorbei. In den Schulen beginnt wieder der Unterricht, die OGS-Gruppen füllen sich und Kinder treffen Freund*innen, Lehrkräfte und pädagogische Fachkräfte wieder.
Und ziemlich sicher fällt in vielen Klassenräumen schon in den ersten Stunden eine Frage:
„Na, wie waren eure Ferien?“
Sie ist freundlich gemeint. Sie soll Interesse zeigen, den Wiedereinstieg erleichtern und Kindern Raum geben, von ihren Erlebnissen zu erzählen. Für viele Kinder funktioniert das auch wunderbar. Sie erzählen vom Urlaub, vom Freibad, von den Großeltern, einem Ausflug oder davon, dass sie endlich einmal lange schlafen durften.
Doch nicht für jedes Kind sind Ferien automatisch eine schöne Zeit.
Wenn Ferien ganz unterschiedlich aussehen
Kinder leben unter sehr unterschiedlichen Bedingungen. Das ändert sich nicht, nur weil sechs Wochen lang keine Schule ist.
Für Familien mit wenig Geld können die Sommerferien eine besondere Herausforderung sein. Reisen, Freizeitparks, Ferienprogramme oder regelmäßige Ausflüge sind nicht für alle finanzierbar. Gleichzeitig fallen möglicherweise Angebote weg, die während der Schulzeit selbstverständlich dazugehören – vom gemeinsamen Mittagessen bis zu verlässlichen Betreuungs- und Freizeitstrukturen.
Andere Kinder erleben zu Hause Konflikte. Vielleicht streiten die Eltern viel, eine Trennung belastet die Familie oder ein Elternteil hat psychische oder Suchterkrankungen. In manchen Familien erleben Kinder Vernachlässigung oder Gewalt.
Wieder andere Kinder haben durchaus schöne Dinge erlebt und die Ferien trotzdem als belastend empfunden. Ein Kind getrennt lebender Eltern kann beispielsweise zwei Urlaubsreisen machen und gleichzeitig unter den Wechseln zwischen Mutter und Vater leiden.
Und manche Kinder vermissen schlicht das, was Schule und Betreuung ihnen geben: Freundschaften, Ansprechpartner*innen, einen geregelten Tagesablauf, gemeinsames Essen und Verlässlichkeit.
Wenn plötzlich alle zuhören
Nun sitzen diese unterschiedlichen Kinder nach den Ferien wieder gemeinsam im Klassenraum. Ein Kind erzählt begeistert von zwei Wochen am Meer. Das nächste war im Freizeitpark. Ein anderes hat die Großeltern besucht.
Und dann kommt das Kind an die Reihe, das sechs Wochen überwiegend zu Hause war. Oder das Kind, das froh ist, dass die Ferien endlich vorbei sind. Oder das Kind, das Erlebnisse hatte, von denen es vor seinen Mitschüler*innen auf keinen Fall erzählen möchte.
Die vermeintlich einfache Frage „Wie waren deine Ferien?“ kann dann plötzlich ziemlich groß werden.
Kinder können das Gefühl bekommen, eine interessante Geschichte liefern zu müssen. Sie vergleichen ihre Ferien mit denen anderer. Vielleicht schämen sie sich. Vielleicht erfinden oder beschönigen sie etwas. Oder sie antworten einfach mit „gut“, obwohl überhaupt nichts gut war.
Die Ferienfrage abschaffen?
Nein. Kinder sollen selbstverständlich erzählen dürfen. Erwachsene dürfen Interesse zeigen und schöne Erlebnisse dürfen gemeinsam gefeiert werden. Entscheidend ist vielmehr, wie wir den Raum dafür gestalten. Statt jedes Kind der Reihe nach seine Ferien bewerten zu lassen, können Lehrkräfte und pädagogische Fachkräfte offenere Zugänge wählen.
Zum Beispiel:
- „Was möchtest du aus den letzten Wochen mit uns teilen?“
- „Gab es einen Moment, an den du dich gerne erinnerst?“
- „Was hast du in den Ferien vermisst?“
- „Was war ganz anders als sonst?“
- „Worauf freust du dich jetzt, wo wir wieder zusammen sind?“
- „Was wünschst du dir für das neue Schuljahr?“
Kinder könnten außerdem wählen, worüber sie sprechen möchten. Auf kleinen Karten könnten beispielsweise Begriffe stehen wie „etwas Schönes“, „etwas Lustiges“, „etwas Langweiliges“, „etwas Neues“, „etwas, das ich vermisst habe“ oder „etwas, worauf ich mich jetzt freue“.
Und eine weitere Möglichkeit sollte genauso selbstverständlich dazugehören:
„Ich möchte heute nichts über meine Ferien erzählen.“
Vielleicht schauen wir nicht nur zurück
Gerade zum Beginn eines neuen Schuljahres ist noch einen anderen Gedanken spannend: Muss der erste gemeinsame Blick überhaupt zurückgehen? Statt hauptsächlich zu fragen, was Kinder in den vergangenen sechs Wochen erlebt haben, können wir auch nach vorne schauen.
- „Was brauchst du, damit du dich hier wieder wohlfühlst?“
- „Worauf freust du dich?“
- „Was möchtest du dieses Schuljahr ausprobieren?“
- „Was können wir als Klasse oder Gruppe gemeinsam tun, damit es ein gutes Schuljahr wird?“
Damit verschiebt sich der Fokus. Nicht das Ferienerlebnis entscheidet darüber, wer etwas Spannendes zu erzählen hat. Jedes Kind kann mitmachen – unabhängig davon, wie die vergangenen Wochen aussahen.
Schön, dass du wieder da bist
Schule und pädagogische Einrichtungen sind für Kinder mehr als Lernorte. Sie können Orte von Gemeinschaft, Struktur, Verlässlichkeit und Sicherheit sein. Deshalb kann es sich gerade nach längeren Ferien lohnen, aufmerksam hinzuschauen: Hat sich ein Kind verändert? Wirkt es besonders still, erschöpft, angespannt oder ungewöhnlich erleichtert, wieder da zu sein? Sucht es auffällig häufig die Nähe einer vertrauten erwachsenen Person?
Nicht jede Veränderung bedeutet automatisch, dass etwas passiert ist. Aber sie kann ein Anlass sein, einem Kind in einem geschützten Rahmen Aufmerksamkeit anzubieten.
Vielleicht braucht es dafür manchmal gar keine große Frage. Manchmal reicht zunächst: „Schön, dass du wieder da bist.“
Und die Gewissheit: Wenn du etwas erzählen möchtest, höre ich dir zu.
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